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Genitaltapeten, Keramikexkremente und Heute-Fliegenklatscher: Zu Manuela Picallo Gils künstlerischer Praxis
Manuela Picallo Gils Arbeiten der letzten Jahre teilen sich in zwei thematische Gruppen – Medienkritik sowie Körper, Geschlecht und Sexualität.

Dabei spart sie auch tragische Inhalte nicht aus. In den Installationen Heu im Stecknadelhaufen und 8.000 oder That’s all setzt sie sich mit der grausamen Praxis weiblicher Genitalverstümmelung (female genital mutilation; kurz: FGM) auseinander. Tausende Stecknadeln sind am Boden zu einem Haufen aufgetürmt oder in die Wand gepinnt. Die Nadelköpfe fungieren als Symbol für das Resultat eines Typs von FGM, da sie eine Analogie zur kleinen Öffnung bilden, die in der Vulva zurückgelassen wird um schmerzhaften Geschlechtsverkehr und qualvolles urinieren noch zu ermöglichen. Letzteres visualisiert Picallo Gil mit kleinen gelbe Tröpfchen in Tränenform. Das fragil-organische Heu hingegen, ist Sinnbild für die unbeschnittenen Mädchen und Frauen, die in vielen Gesellschaften stigmatisiert werden – und häufig auch nur wenige sind.

Wie FGM sind auch primäre Geschlechtsteile, Orgasmen und Sexualität generell Tabus, über die oft nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Aufgrund dieses Schweigens ist es auch in Europa schwierig, das Recht auf den eigenen Körper und die eigene Sexualität offen und direkt einzufordern – auch, weil diese Themen schon in der frühesten Kindheit negiert werden. Kuscheltiere verlassen die Fabriken geschlechtslos und klammern wie auch in Disney-Filmen verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechterdiversität konsequent aus, wodurch ausschließlich Heteronormatät abgebildet wird. Darauf nimmt Picallo Gil in Faded Out Bezug, wenn sie in Anlehnung an die klassischen Einleitungssätze der Trickfilme anmerkt Once upon a time there was a big assumption… und die Betrachter/innen einlädt, sich unter ein Karussell aus Plüschteddies und Stoffschafen mit angenähten vielfältigen Genitalien, After, Brustwarzen usw. zu legen.

Für die kollaborative Arbeit mit bug blanket One Snapshot per Orgasm baten Picallo Gil und bugblanket Freund/innen und Bekannte während dem Orgasmus den Auslöser der Handykamera zu betätigen, um so einen Schnappschuss ihrer Umgebung anzufertigen. Das Erzeugen eines Bildes im Moment des sexuellen Höhepunktes kann als eine Parallele zu Aura Rosenbergs Head Shots (1991 – 1996) gesehen werden, in denen die deutsch-amerikanische Künstlerin die Gesichter von Männern während des Orgasmus fotografierte. Jedoch sind Picallo Gil und bug blanket (Kollektiv BA/NU) nicht wie Rosenberg Voyeurinnen, vielmehr sind es die Nichtdargestellten selbst, die die Aufnahmen produzieren. Diese zeigen verschwommene Räume, schwarze Flächen und Abbildungen farbiger Nuancen, welche in einer poetischen Anordnung als feinfühlige Zelebrierung des sexuellen Höhepunkts präsentiert werden und so diesen als menschlichen Augenblick definieren. Durch das fotografische Festhalten wird in One Snapshot…der sogenannte kleine Tod, wie auch bei den Head Shots, ein ewiger, wodurch Fragen zu Sexualität, Intimität und (Un)sichtbarkeit aufgeworfen werden.[1]

Auch die Genital-Grafiken in Ex Libris weisen einen kunsthistorischen Bezug auf. Ein Charakteristikum der Bucheigentümer/innenzeichen ist die Verwendung von Symbolen, die auch in Picallo Gils Arbeit gemeinsam mit scherzhaften schriftlichen Konnotationen, wie Emerald Penes oder Clitoria Ternatea verwendet werden. So wie die traditionellen Ex Libris nur in zugeklappten Büchern zu finden sind, sind auch Geschlechtsteile nicht öffentlich sichtbar. Um diese in den Diskurs zu bringen, transferiert sie die versteckten Sinnbilder vom geschlossenen Buch in die hinter Glas präsentierte Zeichnung.

Tabuisierte Körperteile sind auch der Inhalt von Schwarz auf Weiß – Decoration: None (BA/NU). Auf einer weißen Papiertapete befinden sich in all-over Manier schwarze Vulven, Penissen, Hoden und weitere vielfältige Genitalien. Durch die wiederholten Darstellungen auf der dekorativ erscheinenden Genitalientapete scheint betont zu werden, dass es sich um naturgegebene Körperteile handelt, die jede/r besitzt. Außerdem wird durch die Abbildung abstrakter Geschlechtsorgane, die auch auf Intergeschlechtlichkeit hinweisen – und darauf, dass viele Menschen weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlechterkonzept entsprechen. Somit stellt sich die Frage, ob die als Norm akzeptierte Dualität nicht eine engstirnige und exkludierende ist. Auch diverse beschäftigt sich mit dieser Thematik. Mehrere Holzbausteine sind auf einer Fläche installiert. Auf einem Würfel prangt ein schwarzes ♀, auf einem anderen ein ♂. Diese Symbole sind nach der Theorie des semiotischen Dreiecks Formen, die auf die Konzepte männlich und weiblich verweisen. Deren Referenten wiederum stellen die Menschen als Männer und Frauen mit ihren scheinbar eindeutigen Geschlechterzuordnungen dar.[2] Die übrigen Holzquader weisen keine Symbole auf – dass das biologische Geschlecht (sex) nicht zwingend mit dem sozialien Geschlecht (gender) identisch sein muss. Das bedeutet, dass Geschlechter somit nicht simpel in entweder – oder zu kategorisieren sind? So scheint Picallo Gil zu fragen, ob ausreichend Zeichen für die vielen Geschlechterdiversitäten vorhanden sind.

Ein linguistisches Spiel ist auch der Hintergrund von One and Three… Ein brauner Stuhl ist mit der Rückenlehne zum/r Betrachter/in vor einer Fotografie, die Keramikexkremente zeigt, platziert. Der Titel referiert nicht nur auf die Doppeldeutigkeit des Wortes Stuhl, sondern auch auf Platons These von Idee und Ding.[3] Ebenso könnte eine Verbindung zum semiotische Dreieck hergestellt werden. Das Lautbild Stuhl lässt sowohl auf die menschliche Ausscheidung, wie auf eine Sitzgelegenheit schließen. Bereits René Magritte demonstrierte mit Ceci ne´est pas une pipe (1929), dass die Abbildung eines Objekts nicht mit diesem identisch ist.[4] Genauso wenig wie man Magrittes Pfeife rauchen kann, kann man auf Picallo Gils Stuhl sitzen oder den Gestank des Kotes riechen. Es ist nur möglich, das Symbol und dessen Bedeutung zu visualisieren, nicht aber das Referenzobjekt physisch zugänglich zu machen. Diese Tatsache und die Polysemie des Wortes Stuhl sind wiederkehrende Gedanken in der gesamten Serie Stuhlen. Der Schaukelstuhl wird als Exkrement auf einer Schaukel abgebildet, das Sessel aufstellen in Räumen (Raum bestuhlen) mit am Boden verteilten Tonfäkalien dargestellt und die menschliche Darmentleerung wird mittels Miniatur-Sessel in der Klomuschel visualisiert.

Diese ist auch Teil der Installation Täglich Droge #2. An der Wand hinter der Toilette sind zahlreiche Klopapierrollen angebracht, die aus den Gratiszeitungen Heute und Österreich gefertigt sind. Beide Blätter verbreiten tendenziell übertriebene, erfundene sowie verzerrte Informationen, hetzerische Inhalte und sind voll mit Sexismus und Pauschalisierungen.[5] Dennoch konsumieren tausende Menschen die darin enthaltenen Fake-News täglich, wodurch der Neid und die mangelnde Empathie, die das derzeit herrschende gesellschaftliche Klima prägen, noch verstärkt wird. Die sogenannte Flüchtlingsdebatte ist nur ein Beispiel dafür. So wie Drogen Körper zerstören können, vergiften diese Blätter das Zusammenleben. Daher schlägt Picallo Gil in der Serie 30 Days Challenge: How to use Heute/Österreich in a smart way dreißig Möglichkeiten vor, wie mit diesen Zeitungen am schlausten umgegangen werden könnten. Man kann sie nicht nur für den Toilettengang benutzen, sondern sie zusammengeknüllt ins Ohr gesteckt als Hörschutz verwenden, mit ihnen Insekten erschlagen oder sie zu Papierfliegern falten.

Diese humorvolle Bewusstseinsschaffung für Probleme und gesellschaftlichen Tabus ist das dominierende Charakteristikum von Picallo Gils multimedialen, symbolträchtigen Arbeiten, die häufig auch linguistische Wortspiele und kunsthistorische Bezüge aufweisen. In ihrer künstlerischen Praxis behandelt sie vielfältige Themen, wobei sie in ihren medienkritischen Werken provokanter und direkter zu sein scheint, als in den empathisch-subtilen Installationen, in denen sie sich mit Körper, Sexualität und Geschlechterbildern beschäftigt.

Agnes Rameder
Wien, 2018

[1] Zu Aura Rosenberg: Aura Rosenberg / Gary Indiana / Lynne Tillman (Hrsg.), Head Shots, Reykjavik 1995.
[2] Zur Theorie des semiotischen Dreiecks: Ralf Pöhrings / Ulrich Schmitz (Hrsg.), Sprache und Sprachwissenschaft. Eine kognitiv orientierte Einführung, Tübingen 1999, S. 30 – 34.
[3] Zu Platon: Volker Steenblock (Hg.), Philosophisches Lesebuch. Von den Vorsokratikern bis heute, Stuttgart 2013, S. 44 – 55.
[4] Zu Magritte: Claudia Stauble / Stefanie Adam (Hrsg.), 100 Meisterwerke,die Sie kennen sollten, München u.A. 2013, S. 248 – 249.
[5] Die Sektion 8 der SPÖ hat sich mit dieser Thematik intensiv auseinandergesetzt und unternahm sogar den Versuch, die Gratiszeitungen ganz verbieten zu lassen. Siehe dazu auch: http://blog.sektionacht.at/2017/04/7134/ [17.09.2018].

 

 

Der Kurier, Donnerstag, 25.01.2018: KURIER-TIPP DES TAGES
Text ohne Angabe des_der Autor_in, Foto von Lisa Rastl
“Erstmals im Gebäude der ehemaligen WU:
Blick in den Fachbereich Kontextuelle Kunst der Akademie.” (Text unter Abbildung)
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Der Standard, Donnerstag, 25.01.2018: AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE WIEN „RUNDGANG“ 2018 AN NEUEN STANDORTEN. BARRIEREFREI SCHWEIFENDE BLICKE
Text von Roman Gerold und Foto von Lisa Rastl
“Die Malkunst in Richtung anderer Gattungen zu erweitern ist eine Prämisse in Ashley Hans Scheirls Klasse für Kontextuelle Malerei.” (Text unter Abbildung)
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